Der Begriff der Heimat dürfe nicht den Demagogen überlassen werden, das forderte Günter Grass bereits 1970. Der Autor der „Blechtrommel“ bewies damit enorme Weitsicht: Am Heimat-Begriff entbrannte in den letzten Jahren ein Kampf um die Deutungshoheit. Insbesondere im rechten Spektrum wurde „Heimat“ als bedroht stilisiert, gipfelnd in Zusammenschlüssen wie dem „Thüringer Heimatschutz“.

Historische Exkurse ebenso wie aktuelle Reflexionen zum Heimat-Begriff bietet nun das Buch „Heimat global. Modelle, Praxen und Medien der Heimatkonstruktion“, das Edoardo Costadura, Klaus Ries und Christiane Wiesenfeldt von der Universität Jena gemeinsam herausgegeben haben.

Heimat ist ein Begriff im stetigen Wandel

Heimat als Begriff sei diffus, flexibel und pluralistisch, „ein Begriff im stetigen Wandel“, konstatiert der Historiker Prof. Dr. Klaus Ries. Im Zeitalter der Globalisierung biete sich die Chance, Heimat gewissermaßen neu zu denken, einen lange Zeit kontaminierten Begriff mit neuen Inhalten zu versehen. Der Romanist Prof. Dr. Edoardo Costadura ergänzt, Ereignisse wie die sogenannte Flüchtlingskrise stellten den Heimatbegriff auf den Prüfstand: „Kann sich ein Flüchtling eine neue Heimat machen? Welche Prozesse laufen dabei ab?“. Diese Herausforderung habe bereits die Gastarbeiter in der Bundesrepublik beschäftigt. Im Buch gebe der Jenaer Soziologe Prof. Dr. Hartmut Rosa eine mögliche Antwort: Heimat entsteht, wo ich als Mensch Resonanz erfahre, wo ich zu akzeptieren lerne und selbst akzeptiert werde. Edoardo Costadura weist zudem darauf hin, dass sich „Heimat“ auch als „Zeitheimat“ verstehen lässt. Das Nachdenken darüber weise stets auf einen Abnablungsprozess hin, einen Prozess, der mit Melancholie und Trauer verbunden ist.

Der Jenaer Romanist und Mitherausgeber des neuen Buchs, Prof. Dr. Edoardo Costadura, weist darauf hin, dass sich „Heimat“ auch als „Zeitheimat“ verstehen lässt. (Foto: Anne Günther/FSU)

Der Jenaer Romanist und Mitherausgeber des neuen Buchs, Prof. Dr. Edoardo Costadura, weist darauf hin, dass sich „Heimat“ auch als „Zeitheimat“ verstehen lässt. (Foto: Anne Günther/FSU)

Die Reflexionen des Heimatbegriffs waren 2017 Gegenstand einer internationalen Tagung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Disziplinenübergreifend nahmen Literatur- und Kulturwissenschaftler, Historiker, Soziologen und Rechtswissenschaftler daran teil, zudem Musikwissenschaftler, Theologen, Geographen und Publizisten. Ihre Ideen und Überlegungen sind im Buch versammelt.

Um den Begriff der Heimat ringen

Heimat als Begriff lässt sich nicht einengen, das zeigt die Lektüre der Beiträge. Edoardo Costadura spricht sogar von einem Laboratorium, in dem in bester aufklärerischer Weise um den Begriff der Heimat gerungen werde. Dieses Ringen setzt sich fort.

Bibliographische Angaben:

Edoardo Costadura, Klaus Ries, Christiane Wiesenfeldt (Hg.): „Heimat global. Modelle, Praxen und Medien der Heimatkonstruktion“, transcript Verlag, Bielefeld 2019, 454 Seiten, 49,99 Euro, ISBN: 978-3-8376-4588-0

Info, FSU JENA // Axel Burchardt