Sprache ist außerordentlich vielseitig. Sie ermöglicht es, mit nur wenigen Mitteln eine schier unbegrenzte Zahl von Bedeutungen auszudrücken. Manchmal erschließen sich diese Bedeutungen aus dem einfachen Wortsinn, zumeist hängen sie aber von der Situation ab, in der ein Gespräch stattfindet. Ein Beispiel: Wenn eine Person „Die Tür ist offen!“ ruft, möchte sie womöglich gar nicht auf die geöffnete Tür hinweisen. Stattdessen fordert sie – indirekt – dazu auf, die Tür zu schließen. Eine Sprachwissenschaftlerin, die sich mit diesen sogenannten pragmatischen Sprachphänomenen beschäftigt, ist Prof. Dr. Pia Bergmann. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat sie die Professur für Germanistische Sprachwissenschaft mit dem Schwerpunkt Pragmatik angetreten.

Sprachliches Handeln mit datengestützten Methoden untersuchen

„Allgemein befasse ich mich mit der Frage, wie Menschen miteinander sprachlich agieren“, erklärt Bergmann. „Jede Art zu kommunizieren zeichnet sich dadurch aus, dass man bestimmte Dinge sagt, doch was man meint, liegt häufig hinter den Worten versteckt.“ Mit ihrer Forschung will Bergmann u. a. diesen versteckten Bedeutungen auf die Spur kommen. Dafür durchforstet sie große Sprach-Datenbanken und entnimmt ihnen Mitschnitte von Alltagsgesprächen. Anhand der Aufzeichnungen hört und sieht sie, wie die beteiligten Personen miteinander aushandeln, was sie eigentlich meinen.

Pia Bergmanns Schwerpunkt ist die linguistische Teildisziplin der Pragmatik, die sich mit situationsabhängigen und nicht-wörtlichen Bedeutungen beschäftigt. (Fotos: Anne Günther/FSU)

Pia Bergmanns Schwerpunkt ist die linguistische Teildisziplin der Pragmatik, die sich mit situationsabhängigen und nicht-wörtlichen Bedeutungen beschäftigt. (Fotos: Anne Günther/FSU)

Alltagssprachlicher Gebrauch von „weiß nicht“ und „keine Ahnung“

Zwei Äußerungen, die Bergmann aktuell untersucht, sind die Phrasen „weiß nicht“ und „keine Ahnung“. Der 44-jährigen Wissenschaftlerin ist aufgefallen, dass die beiden Formulierungen in Gesprächen häufig zusammenschmelzen und eine neue Funktion im Satzzusammenhang übernehmen. Sie bringen dann nicht mehr nur Unwissen zum Ausdruck, sondern weisen auch darauf hin, dass man etwas vermutet oder eine Schätzung machen möchte. Typisch ist z. B. ein Satz wie: „Heute hatten wir, keine Ahnung, 15 Grad.“ Bergmann interessiert sich für dieses Fallbeispiel besonders, weil es die Pragmatik mit dem Gebiet der Morphologie verbindet, bei der die Architektur von Wörtern im Mittelpunkt steht.

Beitrag zur Entwicklung von Spracherkennungs-Software

An sprachlichen Erscheinungen wie diesen forscht Bergmann nicht zum Selbstzweck. Ihre Grundlagenforschung kann zur Entwicklung von Spracherkennungs-Software beitragen, die in Zukunft eine immer größere Rolle spielen wird. „Siri, Alexa und Co. müssen damit zurechtkommen, dass Menschen etwas nicht ordentlich ausdrücken, verschleifen oder weglassen“, erklärt die Neu-Jenaerin. Die Erforschung der Pragmatik helfe den Programmen zudem dabei, den sprachlichen Sinn zuverlässig zu erfassen. „Einer Maschine möchte man ja nicht dreimal die gleiche Frage stellen, bis sie endlich eine Antwort findet.“

„Jena hat mich beim ersten Eindruck überzeugt“

Nach dem Studium in Bonn begann Pia Bergmann ihre wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Freiburg, wo sie 2007 über Intonationsverläufe im Kölnischen promoviert wurde. Nach Professur-Vertretungen wurde sie 2016 – ebenfalls in Freiburg – habilitiert und war anschließend als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen tätig. Zwei Jahre später entschloss sie sich dazu, nach Jena zu wechseln. „Ich hatte mehrere Optionen, aber Jena hat mich beim ersten Eindruck überzeugt“, so die junge Wissenschaftlerin. „Es gab nicht nur inhaltlich viele Anknüpfungspunkte, mir wurde auch sofort viel Wertschätzung entgegengebracht.“

So erfüllend die Wissenschaft für Prof. Bergmann auch ist, sie findet es wichtig, ein Gegengewicht zur täglichen Beschäftigung mit Wort- und Satzbausteinen zu haben. „Um auch mal abzuschalten spiele ich in meiner Freizeit relativ intensiv Klavier“, erzählt die gebürtige Odenwälderin. „Angefangen bei Bach gefallen mir klassische Musikstücke am besten.“

Info, FSU JENA // Till Bayer