Wie lösen lateinamerikanische Gesellschaften Krisen? Dieser Frage gehen bereits seit zwei Jahren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und Lateinamerika gemeinsam nach. Sie nähern sich dem Thema überwiegend aus sozial-, kultur- und geisteswissenschaftlicher Perspektive. Das Bundesforschungsministerium (BMBF) fördert das große Verbundprojekt „Maria Sibylla Merian Center for Advanced Latin American Studies in the Humanities and Social Sciences“ (Merian-CALAS) in der nun beginnenden sechsjährigen Hauptphase mit insgesamt zwölf Millionen Euro. 1,2 Mio. Euro davon fließen an die Friedrich-Schiller-Universität Jena, die neben den Universitäten Bielefeld, Hannover und Kassel beteiligt ist. Dank der hohen Fördersumme, aber auch aufgrund der Projektdauer von 2017 bis 2025 ist es das größte Projekt zu Lateinamerika, das mit Mitteln aus Deutschland finanziert wird.  

Mit der Einrichtung des „Center of Advanced Latin American Studies“ an der Universität Guadalajara (Mexiko) haben die Jenaer Wissenschaftlerinnen und ihre Partner in den vergangenen zwei Jahren bereits eine grundlegende Plattform für die nun folgende Arbeit geschaffen. In der mexikanischen Zentrale hielten sich schon in der Vorphase mehrere renommierte Senior Fellows auf und fanden zudem bereits zwei international besetzte Kongresse zum Thema Krise statt.

Mit Beginn der Hauptphase nehmen ab März 2019 auch die Regionalzentren des Merian-CALAS in San José (Costa Rica), Quito (Ecuador) und Buenos Aires (Argentinien) ihre wissenschaftliche Arbeit auf. Die Universität Jena übernimmt dabei aufgrund ihrer wissenschaftlichen Kompetenz zu Argentinien die Ko-Direktion des Regionalzentrums Merian-CALAS Cono Sur. An der renommierten Universidad Nacional de San Martín in Buenos Aires (UNSAM) erarbeitet die Jenaer Romanistin Prof. Dr. Claudia Hammerschmidt zusammen mit ihrem argentinischen Partner Prof. Dr. Alejandro Grimson das wissenschaftliche Programm zum Thema des Regionalzentrums: „Regional Identities in multiple crises“.

„Laboratorien des Wissens“

Nach der grundlegenden Vernetzung starten nun die eigentliche Forschungsarbeit und der Transfer der Ergebnisse in Wissenschaft und Gesellschaft. Herzstücke von Merian-CALAS sind dabei sogenannte „Laboratorien des Wissens“, die an den Regionalzentren etabliert werden und jeweils anderthalb Jahre lang die wissenschaftliche Leitung von Merian-CALAS übernehmen. In diesem Rahmen widmen sich verschiedene Senior und Junior Fellows am regionalen Standort und in Guadalajara gemeinsam einem der Themenkomplexe Frieden, Ungleichheit, Umwelt, Identität. Diese Themen werden außerdem in Deutschland und Lateinamerika bearbeitet. Ein transatlantisches Tandem aus jeweils einer der deutschen Universitäten und einem lateinamerikanischen Partner leitet jeweils eines dieser Teilprojekte.

Die Argentinien-Expertin und Jenaer Leiterin des Projekts Prof. Dr. Claudia Hammerschmidt. (Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)

Die Argentinien-Expertin und Jenaer Leiterin des Projekts Prof. Dr. Claudia Hammerschmidt.

(Foto: Jan-Peter Kasper/FSU)

Identitätsbildung in Lateinamerika

Die Friedrich-Schiller-Universität fokussiert sich ab 2023 gemeinsam mit argentinischen Partnern auf die schwierige und immer wieder in Frage stehende Identitätsbildung in Lateinamerika. Diese wurde historisch nach der Unabhängigkeit von Spanien im Kontext der Gründung der Nationalstaaten beispielsweise durch verschiedene eurozentristische Narrative geprägt. „So führte etwa in der Vergangenheit die Herausbildung einer argentinischen Nationalidentität aus proeuropäischer Perspektive zum Mythos der Abstammung der Argentinier von europäischen Einwanderern und zu einer gleichzeitigen Abwertung der Bevölkerungsgruppen mit indigenen oder afrikanischen Wurzeln. Seit Ende des 20. Jahrhunderts allerdings wandelt sich das hin zu mehr multikultureller Anerkennung“, führt die Jenaer Geschäftsführerin des Regionalzentrums Merian-CALAS Cono Sur, Dr. Claudia Tomadoni, aus. Die Ko-Direktorin des Regionalzentrums Prof. Hammerschmidt betont die aktuelle Gefahr einer Infragestellung dieser Anerkennung im 21. Jahrhundert: „Durch das rezente Neuerstarken nationalistischer, xenophober, rassistischer, aber auch frauenfeindlicher und homophober Diskurse und politischer Programme im Cono Sur, in Brasilien und weltweit gerät die Anerkennung pluraler Identitäten erneut in die Krise und macht die Auseinandersetzung mit regionalen Identitäten in Lateinamerika zu einem höchst aktuellen, wissenschaftlich und politisch relevanten Thema.“ Zu den Forschungsthemen wollen sich die Beteiligten in den kommenden Jahren mit Forschenden aus aller Welt, aber auch mit Akteuren aus der Zivilgesellschaft austauschen.

Reger Austausch mit Lateinamerika

„Wir freuen uns sehr über diese ganz besondere Art der interkontinentalen und interkulturellen Zusammenarbeit, bringt sie doch Forschende mit einem sehr diversen Erfahrungsschatz zusammen“, sagt Dr. Claudia Hillinger, Leiterin des Internationalen Büros der Universität Jena. Sie spielt darauf an, dass im Rahmen des Projekts Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern in ganz unterschiedlichen Phasen ihrer Laufbahn zusammenarbeiten. 

Darüber hinaus stärkt die Friedrich-Schiller-Universität durch Merian-CALAS ihre Beziehungen nach Lateinamerika. Derzeit pflegt sie über 30 Partnerschaften zu Hochschulen auf dem Kontinent. Zudem koordinieren Jenaer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Soziologie, Sozialgeographie, Interkultureller Wirtschaftskommunikation und Romanistik unter Leitung von Hammerschmidt seit 2015 ein großes Thematisches Netzwerk zum „Transnationalen Wandel am Beispiel Patagoniens“. In diesem arbeitet die Uni Jena interdisziplinär mit vier argentinischen und vier chilenischen Universitäten zusammen und verankert dessen Forschungsansatz in Merian-CALAS nachhaltig.

Weitere Informationen unter: http://www.calas.lat/en/content/regional-office-southern-cone-and-brazil.

Kontakt:

  • Dr. Dr. Claudia Tomadoni
  • Institut für Romanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Ernst-Abbe-Platz 8
  • 07743 Jena
  • Tel.: 03641/944630 oder 944625
  • E-Mail: claudia.tomadoni@uni-jena.de

Info, FSU JENA /// Axel Burchardt

01.03.2019