Karl Marx wurde in Jena promoviert. Am 15. April 1841 erhielt er für seine Abhandlung über die „Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie“ den Doktorgrad, verbunden mit dem Prädikat „vorzüglich würdig“. Dass die Promotion „in absentia“, also faktisch auf dem Postwege erfolgte, war in jener Zeit nichts Außergewöhnliches: Die Fakultäten der Jenaer und anderer Universitäten boten gegen Gebühr das Promotionsverfahren in Abwesenheit des Promovenden an – für die Mitarbeiter der Fakultäten eine wichtige Einnahmequelle.

„In dieser Zeit wurden deutlich mehr Promotionsverfahren in absentia durchgeführt als regulär an der Universität“, sagt Dr. Stefan Gerber. Der Historiker von der Universität Jena hat gemeinsam mit dem Leiter des Jenaer Universitätsarchivs Prof. Dr. Joachim Bauer das Buch „Karl Marx und die Universität Jena“ herausgegeben. In dem schön gestalteten und inhaltsreichen Band werden die Ereignisse rings um die Promotion Karl Marx? und die Nachgeschichte facettenreich geschildert.

Das Cover der neuen Publikation. (Vopelius-Verlag)

Das Cover der neuen Publikation. (Vopelius-Verlag)

Die Promotionsunterlagen gingen als Geschenk nach Moskau

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Klaus Dicke zeichnet Marxʼ Studienweg in Bonn und Berlin nach und beschreibt das Promotionsverfahren. In weiteren Beiträgen von Joachim Bauer, Thomas Pester, Rita Seifert und Margit Hartleb vom Universitätsarchiv werden die Marxschen Zeitgenossen in Jena vorgestellt und es geht um die erste historisch-kritische Marx-Engels-Gesamtausgabe. Biographische Skizzen der beteiligten Akteure – etwa Julius Schaxel, Erich Rothenberg und David Borissowitsch Rjasanow – runden das Bild ab.

Beschrieben wird der erste Besuch einer sowjetischen Delegation 1920 in Jena ebenso wie die Geschehnisse des Jahres 1947, als die Promotionsunterlagen von Marx als Geschenk der Universität Jena den Weg nach Moskau fanden. Einem strittigen Thema wendet sich die Kunsthistorikerin Doris Weilandt zu: der Marx-Büste von Will Lammert, die 1953 zunächst in der Universität aufgestellt wurde und später ihren Platz in der „Via triumphalis“ am Fürstengraben erhielt. Heute ruht die Büste – die letztmals 2018 anlässlich eines Kunstprojekts öffentlich gezeigt wurde – wieder in den Magazinen der Kustodie.

Die Marx-Büste von Will Lammert, aufgenommen im Depot der Kustodie der Universität Jena. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Die Marx-Büste von Will Lammert, aufgenommen im Depot der Kustodie der Universität Jena. Foto: Jan-Peter Kasper/FSU

Weshalb sich Karl Marx mit seinem Promotionsgesuch ausgerechnet nach Jena wandte, diese Frage vermögen die Autorinnen und Autoren des neuen Buches nicht abschließend zu beantworten. Wohl hat der Jenaer Literaturwissenschaftler Oscar Ludwig Bernhard Wolff vermittelt, mit dem Marx gut bekannt war. Die Frage muss offen bleiben, ebenso wie der bis heute ungeklärte Verbleib der Originalschrift der Marxschen Promotion. Dass jedoch das Interesse an dem Denker aus Trier bis heute ungebrochen ist, dafür sprechen die Zusammenfassungen am Ende des Buches. Sie sind – nicht zufällig – in Englisch, Spanisch und Chinesisch abgefasst.

Bibliographische Angaben:

Joachim Bauer, Stefan Gerber (Hg.): „Karl Marx und die Universität Jena“, Verlag Vopelius, Jena 2019, 238 Seiten mit zahlr. Abbildungen, 28,80 Euro, ISBN: 978-3-947303-03-8

Info, FSU JENA /// Stephan Laudien