Was heißt eigentlich „deutsch“, wenn Deutsche in einer multikulturellen Gesellschaft nur die Randgruppe bilden? Mit dieser Frage im Gepäck haben Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Studierende der Friedrich-Schiller-Universität Jena eine ethnographische Forschungsreise zu den deutschsprachigen Minderheiten unternommen, die in Rumänien und der Ukraine leben. Die Exkursion ereignete sich im Rahmen eines einjährigen Projektseminars am Lehrstuhl für Volkskunde im Verbund mit dem Lehrstuhl für Rumänistik. Aus den auf der Reise gesammelten Erfahrungen ist die Ausstellung „Wir wohnen Wort an Wort – Banat, Siebenbürgen, Bukowina: Ein Ethnograffiti Südosteuropas“ entstanden. Sie ist vom 8. April bis zum 19. Mai im Ausstellungskabinett der Universität Jena zu sehen. Die Vernissage findet am Mittwoch, 10. April, um 18 Uhr statt. Der Eintritt ist kostenlos und der Zugang barrierefrei.

Ethnographische Exponate in Bild, Text und Ton

In der multimedialen Ausstellung entfaltet sich ein Panorama der Regionen und der in ihnen lebenden deutschsprachigen Minderheiten. Zu diesen Gruppen gehören die noch ansässigen Banater Schwaben, die Siebenbürger Sachsen und – historisch besehen –Czernowitzer Deutschen jüdischen Glaubens. Neben Fundstücken der Exkursion, Fotos und Filmsequenzen werden Tonmitschnitte von Interviews präsentiert, die die kulturelle Welt vom alltäglichen Miteinander über musikalische Stücke bis hin zu Straßengeräuschen erfahrbar machen. „Nicht jedes Ausstellungsobjekt wird explizit erklärt“, sagt Prof. Dr. Valeska Bopp-Filimonov. „Auf diese Weise möchten wir Besucherinnen und Besucher in den Erkenntnisprozess einbinden sowie zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.“

(Streetart_Rumänien): Streetart an einer Fassade in der rumänischen Großstadt Iași, die manchen als Wiege der rumänischen Kultur gilt. 

(Bus_Ukraine): Auf diesen in die Jahre gekommenen Omnibus sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Exkursion im westukrainischen Czernowitz gestoßen.

Regionale und europäische Perspektiven des Zusammenlebens

Die Juniorprofessorin der Rumänistik zeichnet gemeinsam mit Dr. Anne Dippel vom Seminar für Volkskunde und Kulturgeschichte für die Leitung der Ausstellung verantwortlich. „Die zentrale Erkenntnis liegt darin, wie es den vielen kulturellen Identitäten Rumäniens gelingt, eine friedliche Gemeinschaft zu bilden, in der die Eigenheit der Einzelnen Raum finden darf“, erklärt Dippel. „Mit der Ausstellung wollen wir ergründen, was wir aus diesem Zusammenhalt für Europa im Allgemeinen und Deutschland im Besonderen lernen können.“ Diese Überlegung werde sowohl vor dem Hintergrund aktueller politischer Debatten und Herausforderungen angestellt als auch eingedenk von Traumata, die die deutschsprachigen Minderheiten in der Vergangenheit durch Auswanderung und Umsiedlung erfahren haben.

Studierende übernehmen im Team Verantwortung

Neben der guten Kooperation zwischen den beiden Fachbereichen der Universität Jena möchten die beiden Kulturwissenschaftlerinnen den Einsatz der Studierenden hervorheben, die an dem einjährigen Projektseminar teilgenommen haben. „Sie haben sich nicht nur in ein komplexes Thema eingearbeitet, sondern auch viele Aufgaben in der Organisation selbst übernommen, wie z. B. das Anwerben von Geldern oder die Planung der Reise“, lobt Dippel. „Durch digital-basierte Organisationsstrukturen sind sie als Team zusammengewachsen und konnten so ihre Talente entfalten.“

 (Streetart_Rumänien): Streetart an einer Fassade in der rumänischen Großstadt Iași, die manchen als Wiege der rumänischen Kultur gilt.

(Streetart_Rumänien): Streetart an einer Fassade in der rumänischen Großstadt Iași, die manchen als Wiege der rumänischen Kultur gilt.

Begleitet wird die neue Ausstellung von einem bunten Kulturprogramm, welches das Thema u. a. durch Lesungen, Musikdarbietungen und Gespräche vertieft. Höhepunkt der Veranstaltungsreihe: Ein Gastspiel des Deutschen Staatstheaters Temeswar, das am 21. Mai das Stück „Tagebuch Rumänien. Temeswar“ im Theaterhaus Jena inszeniert.

Die Ausstellung auf einen Blick:

"Wir wohnen Wort an Wort" – Banat, Siebenbürgen, Bukowina: Ein Ethnograffiti Südosteuropas

08. April bis 10. Mai 2019 im Ausstellungskabinett der Universität Jena

Fürstengraben 1 (Raum 025), 07743 Jena

Öffnungszeiten: Mo-Do: 11-18 Uhr, Fr: 11-16:30 Uhr

(Karfreitag und Ostermontag geschlossen)

Veranstaltungshinweis FSU Jena

Fotografiken FSU JENA