Das Gemälde Allegoria sacra des venezianischen Malers Giovanni Bellini (um 1437-1516) ist nicht leicht zu durchschauen. Reich an kräftigen Farben zeigt es eine felsige Landschaft mit vielen biblischen Figuren wie Maria, Paulus und Hiob. Doch die Anordnung dieser Figuren erscheint willkürlich und ein Gesamtzusammenhang erschließt sich nicht sofort. „Bellini hat das Bild bewusst rätselhaft gestaltet, um eine freie Meditation zu ermöglichen“, sagt Prof. Dr. Johannes Grave von der Universität Jena. Mit Bellini, einem Ausnahmekünstler der italienischen Frührenaissance, hat sich der neue Professor für Kunstgeschichte eingehend beschäftigt.

Bellinis packende Gebetskunst

In seinem jüngst veröffentlichten Bildband über Bellini stellt Grave die Allegoria sacra, zu der schon einige komplexe Interpretationsversuche vorliegen, bewusst an den Anfang. „Ich möchte damit zeigen, dass sich Bellinis Kunst gerade nicht wie bei einem Rebusrätsel auf ein eindeutig vorherbestimmtes Ziel hin interpretieren lässt“, erklärt der 43-Jährige. „Das Gemälde fordert den Betrachter vielmehr dazu auf, den Blick schweifen zu lassen, um so ein freies Assoziieren und Meditieren zu ermöglichen.“ Diese Annahme stützt Grave nicht nur auf die künstlerische Darstellung, sondern auch auf die soziale Rolle, die das im 15. Jahrhundert entstandene Bild einmal spielte. „Es diente vermutlich der christlichen Andacht, die damals gut und gerne eine Stunde dauern konnte“, erläutert Grave. „Die Bilder mussten so gemalt sein, dass sie dem Betrachter ständig neue Anregungen vermitteln konnten, wenn er so lange davor betete.“

Vom schweifenden Blick zur allgemeinen Kunsttheorie

Aus seiner Bellini-Forschung zieht Prof. Grave nicht nur Schlüsse über die kunsthistorische Epoche der Frührenaissance, sondern auch über Fragen der allgemeinen Bildtheorie. Grave zufolge setzen Betrachter den schweifenden Blick, den Bellinis Kunst einfordert, auch bei anderen Bildern und Fotografien ein. „Wenn wir uns Bilder anschauen, sehen wir niemals alles auf einen Schlag, sondern machen nach und nach unterschiedliche, manchmal widersprüchliche Beobachtungen“, erklärt der Kunsthistoriker. „Schon nach einem kurzen Moment kann es sein, dass wir uns nicht mehr auf die gemalten Figuren, sondern auf die Pinselstriche konzentrieren. Viele Bilder machen sich genau das zunutze. Indem sie uns in diese zeitlichen Wahrnehmungsprozesse verstricken, können sie schließlich Macht über uns gewinnen.“

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Johannes Grave von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. (Foto: Anne Günther/FSU) 

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Johannes Grave von der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

(Foto: Anne Günther/FSU)

Grave tritt Nachfolge seines Doktorvaters an

Mit seiner Berufung an die Universität Jena kehrt Johannes Grave auch an die Stätte seiner Promotion zurück. Als Professor für Kunstgeschichte folgt er nun auf seinen Doktorvater Prof. Dr. Reinhard Wegner, der gerade in den Ruhestand getreten ist. „Es ist spannend, nach 15 Jahren wieder in dieser quirligen Studentenstadt zu sein“, findet der gebürtige Emsländer. „Vieles ist mir noch vertraut, aber die Stadt und die Universität haben sich auch spürbar weiterentwickelt.“

Neben seiner Arbeit als Universitätsprofessor will sich Grave, der schon seit einigen Jahren mit der Klassik Stiftung Weimar zusammenarbeitet, auch in die hiesige Museumslandschaft einbringen. Dort will er Fachwissen aus seinem zweiten Forschungsschwerpunkt, der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik um das Jahr 1800, einbringen. „Für diese Zeit sind Weimar und Jena unglaublich wichtig gewesen und viel Material befindet sich vor Ort, das noch lange nicht ausgeforscht ist.“

Johannes Grave studierte Kunstgeschichte, mittellateinische Philologie und mittelalterliche Geschichte an der Universität Freiburg/Brsg. Nach der Promotion an der Universität Jena über Goethes graphische Sammlung folgten Stationen am Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris und der Universität Basel, wo er sich im Jahr 2012 habilitierte. Bevor er nach Jena kam, verbrachte Grave sieben Jahre in Bielefeld, wo er als Professor für Historische Bildwissenschaft an der Universität das Fach Kunstgeschichte mit aufbaute.

Info, FSU JENA // Axel Burchardt,

05.12.2019