Ein von Terroristen gekapertes Flugzeug rast auf ein Stadion zu, in dem sich 80.000 Menschen befinden. Die einzige Möglichkeit, die Katastrophe noch zu verhindern, wäre der Abschuss der Maschine – und damit der Tod aller Passagiere und der gesamten Crew. Nach dem 11. September 2001 ein durchaus realistisches Szenario und zugleich ein kaum auflösbares Dilemma. Der Ethiker Nikolaus Knoepffler von der Universität Jena unternimmt in seinem neuen Buch „Würde und Freiheit“ den Versuch, Grenzfälle der menschlichen Existenz philosophisch zu durchdringen und aufzulösen.

Knoepffler geht der Frage nach, ob das Konzept der Menschenwürde primär mit Menschenrechten verbunden ist oder aber als Wertefundament verstanden werden sollte, aus dem Pflichten gegen sich selbst und andere abzuleiten sind.

Es sind vier Konzeptionen im Vergleich – so auch der Untertitel des Buches –, die Nikolaus Knoepffler untersucht hat. Ausgangspunkt ist hierbei das Menschenwürdeverständnis der Vereinten Nationen. Ihre Menschenrechtserklärung verbindet die Würde mit allgemeingültigen Menschenrechten aufgrund der Erfahrung ihrer Verletzung insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Das grundlegend Neue sei folglich das Rechte begründende Verständnis der Menschenwürde, so Nikolaus Knoepffler. „Das ist innovativ und es zeigt, dass der christliche und der kantische Ansatz in Bezug auf die Menschenwürde nicht ausreichen.“

 Ethik-Professor Nikolaus Knoepffler unternimmt in seinem Neuen Buch den Versuch, Grenzfälle der menschlichen Existenz philosophisch zu durchdringen. (Foto: Anne Günther/FSU)

Ethik-Professor Nikolaus Knoepffler unternimmt in seinem Neuen Buch den Versuch, Grenzfälle der menschlichen Existenz philosophisch zu durchdringen. (Foto: Anne Günther/FSU)

Die deutsche Verfassung bleibt dynamisch und bedeutungsoffen

Dieser Konzeption stellt Knoepffler anschließend die christlich fundierte Vorstellung von der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes gegenüber. „Das christliche Konzept hat selbst mannigfache Wandlungen durchlebt“, so Prof. Knoepffler. Erkennbar sei das beispielsweise in der Einstellung zur Folter, die in bestimmten Fällen als erlaubt galt, hingegen heute auch von Seiten der Kirchen strikt abgelehnt wird.

Eine weitere Konzeption von Menschenwürde ist die kantische. „Kant sagt, der Mensch habe Würde im Sinne eines absoluten inneren Wertes, weil er die Menschheit repräsentiere“, so Nikolaus Knoepffler. Dennoch sei für den Philosophen aus Königsberg die Todesstrafe nicht tabu gewesen. Den Suizid hingegen lehnte Kant ab, weil der Mensch damit nur moralisch handeln kann, solange er lebt. „Kant betont die mit der menschlichen Würde verbundene Pflichtendimension, indem er die Menschenwürde in einen kategorischen Imperativ fasst“, sagt Prof. Knoepffler.

Die vierte Konzeption schließlich – das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – nahm Anleihen bei den drei Vorläufern. Nikolaus Knoepffler hebt hervor, dass die deutsche Verfassung dynamisch und bedeutungsoffen bleibt und deshalb nicht von einer Richtung vereinnahmt werden kann. Sichtbar werde das beispielsweise in Bezug auf die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare: „In den 1950er Jahren wurde Homosexualität noch verfolgt, seinerzeit wurde das Grundgesetz im kirchlichen Sinne interpretiert“, konstatiert Nikolaus Knoepffler. Später folgte der Gesetzgeber dem gesellschaftlichen Wandel: So sei Homosexualität zunächst nicht mehr strafbewehrt gewesen, zunehmend toleriert und schließlich wurde sogar die Ehe gleichgeschlechtlicher Menschen erlaubt. Insgesamt, so Knoepfflers Fazit, sei das Grundgesetz enorm plastisch und biete einen Interpretationsrahmen, innerhalb dessen viele Ausdeutungen möglich bleiben, wie die Menschenwürde zu verstehen ist.

Das Buch „Würde und Freiheit“ wird am 8. Mai, dem 70. Jahrestag, an dem der Parlamentarische Rat das Grundgesetz beschlossen hat, um 20.15 Uhr in der Jenaer Universitätsbuchhandlung „Thalia“ (Fürstengraben 1) vorgestellt.

Bibliographische Angaben:

Nikolaus Knoepffler: „Würde und Freiheit. Vier Konzeptionen im Vergleich“, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018, 219 Seiten, 32 Euro, ISBN: 978-3-495-48831-7

Info, FSU JENA // Till Bayer

18.04.2019