Ob es um Fahrverbote für Dieselautos geht, die Rentenpläne der Bundesregierung oder die Zukunft der Europäischen Union: Die öffentliche Meinung zu politischen Streitfragen wird in immer größerem Maße von der Diskussion im Internet geprägt. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena forscht zu diesem Wandel der politischen Debattenkultur seit diesem Semester Prof. Dr. Tobias Rothmund. Der 41-jährige Wissenschaftler hat hier die Professur für Medien- und Kommunikationspsychologie übernommen.

Soziale Bewegung oder Echokammer?

Im Spannungsfeld von Internet und Gesellschaft befasst sich Rothmund vor allem mit dem Verhältnis zwischen digitalen Kommunikationsprozessen und dem politischen Verhalten von Personen. Für den Psychologen verändern soziale Medien die Möglichkeiten der politischen Vernetzung und ermöglichen dem Einzelnen eine stärkere Beteiligung an Kommunikationsprozessen. „Nutzer sozialer Medien neigen zum Beispiel dazu, sich in politischen Fragen mit Gleichgesinnten zu vernetzen“, erläutert Rothmund. „Dieser Zusammenschluss kann konstruktiv sein und soziale Bewegungen auslösen, er kann jedoch auch die Entstehung von Echokammern fördern.“

Unter dem Begriff der „Echokammer“ versteht der Forscher einen Raum in sozialen Netzwerken, in denen sich Nutzer in ihrer politischen Meinung gegenseitig bestärken und zugleich abweichende Meinungen ausblenden. „Diese Form von Gruppendynamik birgt die Gefahr, dass sich Teile der Öffentlichkeit radikalisieren“, unterstreicht Rothmund die Notwendigkeit, dieses Phänomen der digitalen Polarisierung politischer Meinungen zu untersuchen. In weiteren Forschungsthemen geht der Medienpsychologe u. a. den Fragen nach, wie das Erleben von Ungerechtigkeit mit politischen Überzeugungen zusammenhängt und wie „Fake News“ die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft beschädigen.

Prof. Dr. Tobias Rothmund. (Foto: Anne Günther/FSU) 

Prof. Dr. Tobias Rothmund. (Foto: Anne Günther/FSU)

Psychologische Phänomene rational durchdringen

Tobias Rothmund hat an der Universität Trier Psychologie studiert und arbeitete nach dem Diplom-Abschluss 2004 für zwei Jahre im Bereich der Diagnostik frühkindlicher Entwicklungsverläufe. „Ich wollte mehr über die verschiedenen Formen menschlicher Verhaltensstörungen lernen, habe dann aber gemerkt, dass mich die rationale Durchdringung psychologischer Phänomene am meisten interessiert,“ erklärt der gebürtige Oberschwabe. Somit begann er 2006 seine wissenschaftliche Karriere an der Universität Koblenz-Landau. Dort wurde er 2010 mit einer Arbeit zur Wirkung gewalthaltiger Videospiele promoviert und war bis zu seinem Wechsel an die Universität Jena als Juniorprofessor für politische Psychologie tätig.

„Für Jena habe ich mich entschieden, weil das Institut für Kommunikationswissenschaft einen exzellenten Ruf besitzt“, erklärt Rothmund. „Kommunikationspsychologie hat hier Tradition und besonders die Forschungsleistungen zum Thema Rechtsextremismus haben mich beeindruckt.“ Als wichtigen Teil seiner Arbeit am Institut für Kommunikationswissenschaft versteht er die forschungsorientierte Lehre. Studierende sollen an seinen wissenschaftlichen Untersuchungen teilhaben können und sich so für die vielfältigen Möglichkeiten der Forschung begeistern.

Soziale Netzwerke erforscht Tobias Rothmund nicht nur, er ist auch selbst in ihnen aktiv. Auf der Plattform Twitter vernetzt er sich mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und teilt seine Erkenntnisse der Öffentlichkeit mit. Warum dort ein paar rote Chilischoten sein Hintergrundbild schmücken? „Das darf man keinesfalls als Hinweis darauf verstehen, dass ich nur scharfe wissenschaftliche Thesen vertrete“, lacht der verheiratete Familienvater. Tatsächlich gärtnert Rothmund in seiner Freizeit und hat die Chilis selbst geerntet. Wenn er sich eingelebt hat, möchte er dem Hobby der Gärtnerei auch in seiner neuen Heimat nachgehen.

Kontakt:

  • Prof. Dr. Tobias Rothmund
  • Institut für Kommunikationswissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Ernst-Abbe-Platz 8, 07743 Jena
  • Tel.: 03641/ 944948
  • E-Mail: tobias.rothmund@uni-jena.de

 

Info, FSU JENA // Till Bayer